Mordlust am Schlossberg


Franz Preitler ist ein steirischer Autor, der sich seit vielen Jahren intensiv mit regionaler Geschichte, Sagen und historischen Ereignissen beschäftigt. In seinen Büchern verbindet er reale Hintergründe häufig mit fiktionalen Geschichten und macht vergangene Zeiten dadurch besonders greifbar. Auch in „Mordlust am Schlossberg“ nutzt er einen historischen Kriminalfall als Ausgangspunkt für einen atmosphärischen Roman über Graz um 1900.
Im Mittelpunkt steht der Mord an einem angesehenen Intendanten eines Varietétheaters, der am Grazer Schlossberg niedergeschossen wird und wenig später seinen Verletzungen erliegt. Während die Behörden nach dem Täter suchen, beginnt der junge Journalist Ernst Klein eigene Nachforschungen anzustellen. Dabei stößt er zunehmend auf ein Geflecht aus persönlichen Geheimnissen, gesellschaftlicher Doppelmoral und Menschen, die viel zu verlieren haben.
Ein Graz voller Geheimnisse
Eine der größten Stärken des Romans ist sein Schauplatz. Graz dient nicht nur als historische Kulisse, sondern wird beinahe selbst zu einer Figur der Geschichte. Varietés, Gasthäuser, Kaffeehäuser, dunkle Gassen und natürlich der Schlossberg sorgen für ein stimmiges Bild der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Besonders interessant ist dabei der starke Kontrast zwischen öffentlicher Moral und privatem Verhalten. Nach außen zählen Anstand, gesellschaftlicher Status und ein guter Ruf. Hinter verschlossenen Türen sieht die Realität allerdings oft ganz anders aus.
Affären, heimliche Treffen, Eifersucht und persönliche Abhängigkeiten spielen daher eine wichtige Rolle. Genau daraus entstehen zahlreiche mögliche Motive und Verdachtsmomente.
Mehrere Handlungsstränge
Neben dem Mordfall begleitet der Roman auch Erwin Pfandl, einen Hotelier aus Mürzzuschlag, der gemeinsam mit seinem Freund Paul Kaltenberg Graz besucht. Ein nächtliches Abenteuer bringt ihn jedoch in eine unangenehme Lage, denn sein Verhalten bleibt nicht unbeobachtet.
Was zunächst wie eine separate Geschichte wirkt, fügt sich nach und nach in das größere Gesamtbild ein. Preitler verbindet mehrere Figuren und Ereignisse miteinander und sorgt damit dafür, dass lange nicht klar ist, welche Geheimnisse tatsächlich mit dem Mord zusammenhängen.
Auch weitere Verbrechen und Zwischenfälle sorgen dafür, dass die Ermittlungen immer neue Fragen aufwerfen.

Historische Realität trifft Fiktion
Besonderen Reiz bekommt „Mordlust am Schlossberg“ durch die Verbindung von realer Geschichte und Fiktion. Der Roman basiert auf einem tatsächlichen historischen Kriminalfall am Grazer Schlossberg.
Preitler nutzt diese Grundlage jedoch nicht für eine nüchterne Nacherzählung. Stattdessen baut er rund um das reale Ereignis seine eigene Handlung auf und verbindet historische Personen, Schauplätze und gesellschaftliche Entwicklungen mit erfundenen Figuren.
Auch Peter Rosegger spielt dabei eine Rolle. Teile der Handlung führen deshalb von Graz nach Mürzzuschlag und in die Waldheimat.
Diese Passagen erweitern den historischen Hintergrund, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass sich der Roman stellenweise etwas vom eigentlichen Mordfall entfernt.
Journalist statt klassischem Ermittler
Mit Ernst Klein steht kein typischer Kriminalbeamter im Mittelpunkt, sondern ein Journalist. Das passt hervorragend zur Zeit, in der die Geschichte spielt.
Moderne forensische Methoden stehen nicht zur Verfügung. Stattdessen muss Klein beobachten, recherchieren, Gespräche führen und versuchen, Widersprüche zu erkennen.
Gerade weil viele Figuren etwas zu verbergen haben, gestaltet sich diese Suche schwierig. Gesellschaftliche Stellung und Einfluss spielen eine große Rolle, und nicht jeder ist daran interessiert, dass private Angelegenheiten öffentlich werden.
Dadurch entsteht die Spannung weniger durch Action als durch Fragen, Verdächtigungen und die zunehmende Erkenntnis, dass hinter vielen scheinbar respektablen Fassaden deutlich mehr verborgen liegt.
Krimi und Gesellschaftsporträt
„Mordlust am Schlossberg“ ist kein rasanter Thriller. Die Geschichte nimmt sich Zeit für ihre Figuren, Schauplätze und historischen Hintergründe. Wer ausschließlich eine schnelle Mörderjagd erwartet, könnte das Erzähltempo stellenweise als etwas gemächlich empfinden. Preitler interessiert sich jedoch nicht nur für die Aufklärung eines Verbrechens, sondern auch für das Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit.
Dadurch entwickelt sich der Roman zu einer Mischung aus historischem Krimi und Gesellschaftsporträt. Besonders gelungen ist die Darstellung der gesellschaftlichen Doppelmoral. Ein Skandal konnte damals gravierende Folgen haben, und bereits ein Gerücht war in der Lage, den Ruf eines Menschen dauerhaft zu beschädigen. Genau diese Angst vor öffentlicher Bloßstellung sorgt für glaubwürdige Konflikte und macht viele Figuren automatisch verdächtig.
Starke regionale Atmosphäre
Wer Graz und die Steiermark kennt, wird an „Mordlust am Schlossberg“ zusätzlichen Gefallen finden. Bekannte Orte und historische Bezüge sorgen dafür, dass man sich die Handlung besonders gut vorstellen kann.
Aber auch ohne regionalen Bezug funktioniert die Geschichte. Graz um 1900 bietet schlicht eine interessante Kulisse für einen Kriminalroman. Die Mischung aus Stadtleben, konservativer Moral, gesellschaftlichem Wandel und verborgenen Leidenschaften schafft eine dichte Atmosphäre, die deutlich zu den größten Stärken des Buches gehört.

Athmosphärischer Krimi mit historischem Tiefgang |





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