Die Heilerin des Nordens
- Jana

- 22. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Ines Thorn zählt zu den Autorinnen, die historische Stoffe mit großer Empathie und erzählerischer Wärme zum Leben erwecken. Sie schreibt vor allem Romane, in deren Mittelpunkt starke Frauen stehen, die sich in rauen Zeiten behaupten müssen. Ihre Geschichten sind gründlich recherchiert, dabei aber immer nah an den Gefühlen und inneren Konflikten ihrer Figuren. Genau diese Mischung aus historischer Authentizität und menschlicher Nähe macht auch ihre Romane so zugänglich und berührend.
Lappland im Wandel der Zeit
In "Die Heilerin des Nordens" rückt Ines Thorn das Volk der Samen in den Mittelpunkt – ihre Kultur, ihre Naturverbundenheit und ihr jahrhundertealtes Wissen über Heilkunst, Tiere und Landschaft. Die Geschichte spielt in Lappland zu einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Besonders das Jahr 1833 markiert einen entscheidenden Einschnitt: Mit dem verstärkten Vordringen norwegischer Siedler verändert sich das Leben im Norden nachhaltig. Alte Traditionen geraten ins Wanken, neue Machtstrukturen entstehen, und das fragile Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wird zunehmend gestört.
Die Handlung folgt einer samischen Heilerin, deren Wissen eng mit den spirituellen und medizinischen Praktiken ihres Volkes verwoben ist. Ihre Fähigkeiten sind Teil einer überlieferten Lebensweise, die nicht nur Heilung bedeutet, sondern auch Verantwortung gegenüber Gemeinschaft und Natur. Mit dem Eintreffen der Norweger prallen unterschiedliche Weltbilder aufeinander: Rationalität gegen Überlieferung, Besitzansprüche gegen nomadische Freiheit, Fortschritt gegen gewachsene Ordnung und religiöse Unstimmigkeiten.
Zwischen Tradition und Fremdbestimmung
Der Roman zeigt eindrücklich, wie die Samen versuchen, ihre Identität zu bewahren, während äußere Einflüsse immer stärker in ihr Leben eingreifen. Die Heilerin steht dabei exemplarisch für viele Menschen ihrer Zeit, die zwischen Anpassung und Widerstand ihren eigenen Weg finden müssen. Es geht um Verlust von Land, um Misstrauen gegenüber dem Fremden, aber auch um vorsichtige Annäherungen und das Ringen um gegenseitiges Verständnis.
Ines Thorn beschreibt diesen kulturellen Konflikt ruhig und differenziert. Sie verzichtet auf einfache Schuldzuweisungen und zeichnet stattdessen ein vielschichtiges Bild einer Epoche, in der Veränderung unausweichlich ist und dennoch Schmerz hinterlässt.
Ein stiller, eindringlicher historischer Roman
„Die Heilerin des Nordens“ überzeugt vor allem durch seine atmosphärische Dichte und seinen respektvollen Blick auf die Kultur der Samen. Die karge Landschaft Lapplands, die langen Winter und die enge Verbindung zur Natur sind mehr als bloße Kulisse – sie prägen Denken, Handeln und Glauben der Figuren. Der Roman ist eine einfühlsame Annäherung an ein wenig bekanntes Kapitel europäischer Geschichte und macht den historischen Umbruch nachvollziehbar, ohne ihn zu dramatisieren.
So entsteht ein ruhiges, nachdenkliches Buch über kulturelle Identität, über das Weitergeben von Wissen und über das Leben in einer Zeit, in der sich die Welt unwiderruflich verändert. Und natürlich eine Geschichte, die die Leser in den Bann zieht und länger im Gedächtnis bleibt.

Atmosphätisch und voller Gefühl |





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